Was ist Lernen durch den Körper?

Wenn ich jemandem von meiner Arbeit als Praktiker für KörperAufmerksamkeit erzähle und darin der Satz „Lernen durch den Körper“ fällt, ernte ich oft Verwunderung oder eine interessierte Frage: „Lernen durch den Körper, was soll das denn sein? Wird da dem Körper etwas beigebracht, was der Kopf nicht mitbekommt? Oder ist der Körper der Lehrer und wir hören zu? Kann man das überhaupt so trennen?“ Hier habe ich über den Unterschied zwischen Lernen und Wissen geschrieben – in diesem Text möchte ich auf die Fähigkeit unseres Körpers eingehen, zu lernen und unser Lernen zu unterstützen.

Unser Körper hat die grundlegende Fähigkeit ständig aus dem was uns umgibt zu Lernen und sich an das was ist anzupassen. Wir lernen dabei nicht nur durch’s Hinschauen, sondern auch durch die Wahrnehmung mittels anderer Kanäle und Körperbewusstsein. Jeder, der mal einen Raum betreten hat und eine unangenehme oder eine euphorische Stimmung gespürt hat, hat das schon selbst erlebt. Andere Beispiele für Körperwahrnehmung sind: dass wir uns einen Pulli anziehen, wenn wir spüren dass es kalt wird. Dass wir ein bisschen langsamer machen, wenn wir erschöpft werden. Dass wir uns anders hinsetzen oder aufstehen und uns strecken, wenn es ungemütlich wird. Dass wir essen, wenn wir hungrig sind. Dass wir jemanden stoppen, wenn uns etwas unangenehm ist. Oder dass wir sofort wach und aufmerksam sind, wenn wir eine potentielle Gefahr verspüren.

Viele dieser Prozesse laufen automatisch ab, ohne dass wir aufwändig darüber nachdenken müssen. Aber um entsprechend zu handeln, müssen wir durch den Körper wahrnehmen.

Sobald wir aufhören, auf diese Signale zu hören, erzeugen wir sich wiederholende Muster in unserem Verhalten. Wir handeln dann nicht mehr im Einklang mit dem was tatsächlich ist. Wir essen, weil wir immer zu einer bestimmten Uhrzeit essen. Wir bleiben sitzen, weil wir uns ja später beim Joggen noch bewegen werden. Wir hetzen weiter, weil wir uns einfach mal zusammenreißen sollten. Oder wir gehen von einem Werbegag aus, selbst wenn die Situation tatsächlich sehr gefährlich ist.

Meist geht dieser Prozess der nachlassenden Aufmerksamkeit schleichend voran. Von einem wachen Kind, welches die Welt um sich interessiert und ausprobierend wahrnimmt, entwickeln wir uns langsam zu einer Version von uns, die zwar weiß was wichtig ist, sich aber nur selten daran erinnert.

Warum hören wir überhaupt auf die Welt direkt wahrzunehmen? Wohl weil wir Situationen nicht mehr mit unserem Spüren und Sein begegnen, sondern stattdessen ein inneres Gespräch mit uns starten. In diesem Gespräch wird die Situation dann oft bewertet – meistens auf Basis von in der Vergangenheit angesammeltem Wissen – bewusst oder unbewusst. Manchmal sind es aber auch bestimmte Erfahrungen, die uns vom Fühlen unseres Körpers entfernen – weil es zum Zeitpunkt diese Erfahrung das Beste war, was unser Gehirn machen konnte. Danach einen Weg zurück zu finden geht nur unter Einbeziehung des Körpers. Wir vergessen dabei, dass dieser Moment auch ganz anders sein könnte — und sehr wahrscheinlich auch ist. Wir trennen uns von der Empfindung unseres Körpers.

Statt das Leben als einen konstanten Strom von Veränderung wahrzunehmen und darin entsprechend zu „schwimmen“ (oder zumindest den Fuß hinein zu halten), antworten wir mit unserer immer gleichen Art zu sein.

Diese sich wiederholenden Muster finden auf sehr klare Art und Weise in unseren Körpern statt: Wie wir unseren Körper bewegen, die Anspannungen die wir Erzeugen und selbst über verschiedenste Situationen hinweg festhalten. Spezifische andauernde Emotionen, die wir fühlen – von Angstzuständen, über Distanziertheit zu dem was um uns passiert, bis hin zu Wut, die sich in unscheinbaren Situationen unverhältnismäßig bemerkbar macht. All diese feststeckenden Empfindungen und Haltungen sind Ausdruck unserer Vergangenheit. Und sie hindern uns daran, jeden Moment von Neuem zu starten.

OK so weit – und was hat das jetzt mit dem Lernen durch den Körper zu tun? Wir können lernen unsere Aufmerksamkeit auf den Körper zu erhöhen. Das geht durch Berührung, Atmung, Beschreibung und vor allem durch Zeit, die wir uns geben diese Dinge wahrzunehmen und zu spüren. In den Sitzungen mit den Klienten, die zu mir kommen, lernen wir Schritt für Schritt und Sitzung für Sitzung den Körper mehr wahrzunehmen. Andere Optionen zu eröffnen. Die Aufmerksamkeit von einem oft lauten Kopf, auf den Körper zu lenken. Statt zu Beobachten, mehr vom Körper aus wahrzunehmen. Schrittweise unliebsame Emotionen zu erlauben. Diese Erfahrung bleibt dann nicht nur exklusiv in meinem Arbeitsraum, in dem wir zusammen arbeiten, sondern wird mit in den Alltag integriert. Durch die erhöhte Aufmerksamkeit ist es möglich, die festgefahrenen Muster zu erkennen – auch und besonders in den Situationen, in denen sie auftreten. Dadurch bekommen wir die Freiheit zurück, neu zu entscheiden: in der Situation wie immer gleich zu reagieren oder aktiv dem zu folgen, was das Leben eben jetzt gerade von uns fordert und uns bietet. Für viele Menschen ist das ein Befreiungsschlag, der über das reine Verstehen weit hinausgeht.

Das Lernen durch den Körper geht aus meiner Sicht in zwei Richtungen die sich wunderbar ergänzen: Wir lernen unseren Körper als großartige Quelle von Empfindung und Wahrnehmung (neu oder wieder) kennen. Darüber hinaus nutzen wir die zusätzlich gewonnene Aufmerksamkeit und Intention um zu erkennen, wie wir uns (und da gehört der Körper mit dazu) in festgefahrenen Situationen verhalten und erschließen uns dadurch mehr Potential für persönliches Lernen und Wachstum.