Lernen statt zu Wissen

— oder warum spielerisches Experimentieren mehr Platz in unserem Alltag finden kann.

Ich schreibe diesen Text in der Wir-Form und nehme damit eine gewisse Vereinheitlichung der beschriebenen Empfindungen und Erfahrungen vor. Stell Dir einfach vor, dass das Wir hier eine Mischung aus persönlicher Erfahrung und der Erfahrung von vielen verschiedenen Klienten ist, mit denen ich Lernprozesse durchgeführt habe. Wenn Du einen Teil davon auch nachvollziehen kannst, dann fühl Dich gerne angesprochen :-)

Wir lernen vom unserem ersten Tag auf dieser Welt an. Von Anfang an haben wir die Fähigkeit uns an die Umstände anzupassen, unsere Wahrnehmungsfähigkeit zu steigern, uns durchs Leben zu bewegen und dabei das Leben auf uns wirken zu lassen und darauf einzuwirken.

Lernen bedeutet dabei etwas Neues zuzulassen, eine neue Erfahrung zu machen und sich in diese Richtung zu bewegen. Wir lernen zu laufen, zu sprechen, zu denken und unseren Willen zu verfolgen – alles Dinge, die wir nicht konnten, aber für die der Prozess vom Ausprobieren und Experimentieren in unserem Potential liegt und wir dieses nutzen. Natürlich machen wir auf diesem Weg superviele Fehler. Die versorgen uns aber glücklicherweise mit zahlreichen Informationen, durch die wir unser Lernen und unsere Fähigkeit zu lernen wiederum anpassen und verbessern können.

Dieses Wechselspiel aus Experiment, Ausprobieren, Fehlschlag und Erfolg ist der Kreislauf vom Lernen in dem wir alle Informationen, die in unserer Aufmerksamkeit sind, verarbeiten.

Tatsächlich jedoch werden diese Information nicht immer auf die effizienteste Art und Weise genutzt. Oft haben Menschen, in deren Umfeld wir lernen, bereits fertige und einem bestimmten Plan folgende Meinungen über erwartetes Verhalten und anvisierte Leistungen. Wir werden relativ früh mit festen Vorstellungen in Bezug auf die Bewertung und die Messbarkeit von Lernen konfrontiert. Dies passiert in den verschiedensten Kontexten: von der Art und Weise wie unsere Eltern auf unser Verhalten und auf unsere Fehler reagieren, über das Ausmaß wie unser Lernen im Kindergarten individuell gefördert wird, wie unterschiedliche Arten zu Lernen und verschiedene Lerngeschwindigkeiten zur vereinheitlichten Abfrage von Kopfwissen in der Schule reduziert werden, bis hin zum Massenlernen im universitären Kontext oder auf der Ebene unserer Gesellschaft. Dabei wird weniger Wichtigkeit auf den Prozess des Lernens und die Erfahrungen auf dem Weg gelegt, sondern vielmehr Ziele, Resultate und strukturiertes Wissen bewertet.

Diese Tendenz ist wie ein kontinuierliches Training für Wissen anstatt zu Lernen. Und oft werden wir nach und nach selbst unsere eigenen Trainer.

Auf Basis dieser oft schon recht früh gemachten Erfahrungen, entwickeln wir vielfältige automatische Verhaltensweisen auf das Thema “Lernen”. Wir haben wenig Übung im konstruktiven Umgang mit Schwierigkeiten oder Misserfolgen. Wenn etwas herausfordernder ist als gedacht, haben wir eine Reihe von Tendenzen, die wir teilweise über Jahre verfeinert und gefestigt haben, um uns vom Weitergehen und Ausprobieren abzuhalten. Statt diese Schwierigkeiten zu konfrontieren, entwickeln wir Automatismen und Süchte wie zum Beispiel Lärm im Kopf, konstanten Social-Media-Konsum, Heißhunger, kopfloses Fernsehen und Prokrastination.

Darüber hinaus eignen wir uns vorgefertigte Denkweisen darüber an, was es für uns bedeutet zu Lernen. Wir haben Meinungen über und Überzeugungen von uns und unserer Fähigkeit etwas Neues zu lernen: wir können es eben einfach nicht, es ist viel zu anstrengend, wir sind nicht gut genug – egal wie sehr wir uns anstrengen –, oder sind schlichtweg zu alt um etwas Neues zu lernen.

Durch die Fortsetzung dieser sich wiederholenden Verhaltens- und Denkmuster, richten wir unsere Aufmerksamkeit dauerhaft in die Vergangenheit und auf die Schlüsse, die wir aus unseren vergangenen Lernerfahrungen gesammelt haben.

Es ist die absolute Sackgasse und der oben beschriebene Kreislauf vom Lernen ist unterbrochen.

Diese automatischen Muster zu beenden, bedeutet zu lernen trotz der vergangenen Erfahrungen, die Haltung eines lernenden Menschen zu bewahren, mit Schwierigkeiten und Herausforderungen im Hier und Jetzt umzugehen und dadurch Neues, Unbekanntes und Wachstum in unser Leben einzuladen und zu ermöglichen.

Das umfasst nicht nur das, was wir durch unsere Köpfe und Gehirne lernen, sondern schließt das Lernen durch den Körper ein. Unsere Körper sind großartige Quellen von Information wenn es darum geht, Verhaltensmuster aus der Vergangenheit zu beenden. Wir können zum Beispiel spüren, wie wir nicht nur auf Kopfebene auf bestimmte Dinge reagieren, sondern auch wahrnehmen, wie wir eingefahrene Positionen und Bewegungsmuster in unseren Körpern halten, um diese zu beenden. Beispiele dafür sind An- und Verspannungen während wir uns konzentrieren, das Gefühl von Schwere wenn es darum geht eine herausfordernde Aufgabe zu lösen, oder blockierende Angst zu spüren, wenn wir uns mit einem unbekanntem Thema auseinander setzen.

Ich bin überzeugt, dass wir durch unseren Körper wieder lernen können zu lernen, mehr von dem wahrzunehmen was ist, die Realität auf neue Art und Weise zu erfahren und unsere eigene Körperlichkeit zu erhöhen. Dabei ist das Wissen oder Können immer zweitrangig – es geht um spielerisches Experimentieren mit unserem eigenen Menschsein und dem Lernen auf dem Weg.